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Heutige Bilder von der DDR

Die DDR ist Geschichte. Doch sie lebt zugleich weiter in Erinnerungen, Vorstellungen und Erzählungen. Welche Bilder von der DDR haben die Menschen heute?
Screenshot Ossiladen.de

Nur Ostalgie oder was? Die DDR lebt im Gedächtnis weiter

Die DDR ist seit fast 20 Jahren untergegangen. Doch sie lebt "virtuell" in Erinnerungen, Vorstellungen, Erzählungen weiter. Oder sie überdauert, beispielsweise im Schulunterricht oder in den Medien, als – oft lückenhaft oder verzerrt – übermitteltes Wissen über historische Zustände und Prozesse. Häufig ist die DDR auch Gegenstand eines ganz persönlichen Systemvergleichs: Wo war sie besser, wo schneidet sie schlechter ab als die Bundesrepublik, der sie im Oktober 1990 weichen musste? – Gewisse Verklärungen sind, wie aktuelle Erhebungen dokumentieren, unübersehbar.

Der Sozialwissenschaftler Thomas Ahbe hat die inzwischen wieder etwas abgeebbte "Ostalgie"-Welle in ihren kulturellen Ausformungen analysiert. Er charakterisiert sie als "Laiendiskurs von Ostdeutschen", der dazu dient, "unangenehme Wahrheiten über die Eigengruppe oder das eigene Leben" zurückzuweisen; als "Selbsttherapie" und als kommerzielles Konzept (Ahbe 2005, S. 65). Die Vermarktung ist augenfällig an Versandgeschäften wie ossiladen.de, ostalgie-shop.de oder ostalgie.com, die "alte" Ostprodukte anbieten, nostalgische Gefühle befriedigen und altes Design für neue Stilisierungen bereithalten.

Im Folgenden wird ein anderer Ansatzpunkt gewählt, um den alltäglichen heutigen Blick zurück auf die DDR schärfer zu zeichnen. Es werden Befragungsergebnisse zu nachträglichen Einschätzungen der DDR, also der Vergangenheit zugewandte Einstellungen herangezogen. Diese retrospektiven Bilder von der DDR machen tiefgehende und stabile Ost-West-Differenzen deutlich, die sogar Generationen übergreifen. In diesen unterschiedlichen Sichtweisen auf die DDR spiegeln sich gesellschaftliche Problemlagen der letzten beiden Jahrzehnte wie auch der Gegenwart wider. Nachstehend werden diese Zusammenhänge exemplarisch anhand von drei empirischen Zugängen dargelegt.

Systemvergleich DDR und Bundesrepublik Deutschland

Das DDR-Bild der deutschen Bevölkerung

Die in vielem positive Bewertung der DDR durch die ostdeutsche Bevölkerung ist relativ konstant (vgl. Diagramm "Bewertung der DDR"). Diese wohlwollende Einschätzung der DDR, die "mehr positive als negative Seiten" gehabt habe, wird von einer Mehrheit von Ostdeutschen auf einen stärkeren Zusammenhalt zwischen den Menschen, ein höheres Maß an sozialer Sicherheit, einen besseren persönlichen Lebensstandard, weniger soziale Ungleichheit und eine höhere soziale Gerechtigkeit zurückgeführt*.

Ganz allgemein deuten Befragungsergebnisse seit den 90er Jahren darauf hin, dass die Attraktivität der "politischen Gemeinschaft 'Gesamtdeutschland'" im Osten "eher nachgelassen als zugenommen hat". Zudem identifiziert sich immerhin etwa ein Fünftel der Ostdeutschen weder mit dem neuen noch mit dem alten politischen System, ist also in gewisser Weise politisch "heimatlos"*. Eine Rückkehr zur sozialistischen Ordnung der DDR wünscht sich indes die überwältigende Mehrheit der ostdeutschen Bevölkerung nicht herbei*. Ein Ergebnis von Bevölkerungsbefragungen ist, dass die Ostdeutschen mehrheitlich unzufrieden mit ihrem Anteil am gesellschaftlichen Reichtum sind*.

Sozialwissenschaftlich ausgedrückt, weisen Ostdeutsche im Vergleich zu Westdeutschen ein größeres Ausmaß an sozialer Deprivation auf; sie fühlen sich eher sozial zurückgesetzt. Um Deprivation zu messen, gibt es standardisierte Fragen nach dem gerechten Anteil (am Lebensstandard), von dem man glaubt, dass man ihn erhält oder auch nicht bekommt. Dieses Deprivations-Gefühl kann genutzt werden, um die jeweilige Verbundenheit in der Bundesrepublik oder der DDR mit Hilfe statistischer Zusammenhänge zu erklären. Der zeitliche Vergleich der Deprivation weist auf regionale Besonderheiten hin (vgl. Grafik "Verbundenheit mit BRD und DDR in Beziehung zu gerechtem Anteil am Lebensstandard"). Im Westen ist sie von 29,4 Prozent im Jahre 1991 auf 42,1 Prozent 2008 gestiegen. Gleichzeitig sank die Verbundenheit mit der alten Bundesrepublik für diese Personengruppe.

Die empfundene "Gerechtigkeitslücke" erklärt also eine geringere Verbundenheit mit der Bundesrepublik oder umgekehrt formuliert: die Verbundenheit und ein fehlendes Deprivationsgefühl hängen zusammen. Die statistischen Beziehungen zwischen sozialer Deprivation und der Verbundenheit mit dem wiedervereinigten Deutschland als Ganzem weisen in die gleiche Richtung: ein als gerecht angesehener Anteil geht mit höherer Verbundenheit einher, die jedoch immer mehr als 60 Prozent der Befragten in West und Ost umfasst.

Für die DDR lassen sich aber andere Zusammenhänge nachweisen. Im Zeitraum 1991-2008 fiel der Anteil der Ostdeutschen, die sich depriviert fühlen, von 83,2 auf 72,8 Prozent. Zwar ist die Verbundenheit mit der DDR allgemein gewachsen, doch in der sich depriviert empfindenden Gruppe stärker, so dass zum Teil die Verbundenheit mit dem untergegangenen deutschen Staat durch das gegenwärtige Gefühl der Zurücksetzung erklärt werden kann. Die Besonderheiten der ostdeutschen Situation werden auch in den "DDR-Bildern" sichtbar, die junge Menschen äußern, welche die DDR selbst nicht mehr bewusst erlebt haben.

Wie sehen Schüler heute die DDR?

2006/07 wurde seitens einer Forschergruppe an der Freien Universität Berlin eine großangelegte Befragung durchgeführt, um das DDR-Bild ost- und westdeutscher Schüler zu beschreiben*. Insgesamt wurden 5.219 Schüler befragt, von denen ungefähr ein Drittel in Ostdeutschland und zwei Drittel im Westen lebten. 18 Prozent waren jünger als 16 Jahre, 82 Prozent 16 Jahre und älter. Diese Schüler haben also keine bewussten Erinnerungen an die Zeit vor der Wende. Die beiden Autoren der Studie Monika Schroeder-Deutz und Klaus Schroeder* fassen eine Fülle von Ergebnissen – Einschätzungen der DDR und BRD in Bezug auf diverse Lebensbereiche – zu einem "Gesamtbild der DDR" zusammen (vgl. Diagramm "Gesamtbild der DDR nach Ländern/Regionen"). Dieses Gesamtbild berücksichtigt folgende Dimensionen: Sozialpolitik, Wirtschaftspolitik, Jugend und Familie, Schule und Alltag, Außenpolitik, Merkmale einer Diktatur sowie Repression. Es wurde anhand der Schüler-Bewertungen in Hinsicht auf 24 Aussagen (Meinungsitems) gemessen*.

Im Osten dominiert eine neutrale Bewertung der DDR. Im Westen kommt hingegen eine klare Mehrheit von Schülern zu negativen Gesamtbildern der DDR. Werden diese Einordnungen weiter aufgeschlüsselt, beispielsweise nach den Parteipräferenzen der Schüler, so wird deutlich, dass die regionale Herkunft das Urteil über die DDR stärker bestimmt als die jeweilige Vorliebe für die Wahl einer Partei. Die unterschiedliche Bewertung der DDR ist dabei auch unabhängig von der überwältigenden Befürwortung der Wiedervereinigung mit 85 Prozent im Osten und 71 Prozent im Westen.

"Der Jahrgang '73" – das DDR-Bild als Indikator für gesellschaftliche Probleme der Gegenwart

Ähnliche Einstellungen hinsichtlich der Wiedervereinigung wie bei Schülern lassen sich auch bei einer dritten Personengruppe von Ostdeutschen beobachten, wobei bei dieser Gruppe auch erkennbar wird, welche Einflüsse das DDR-Bild bestimmen. Seit 1987 wird eine Stichprobe junger Ostdeutscher des Geburtsjahrgangs 1973 kontinuierlich befragt. Es handelt sich um die einzige Studie, in der der Einstellungswandel einer Stichprobe von Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen im Zuge der Wiedervereinigung über einen Zeitraum von jetzt mehr als 20 Jahren fortgesetzt, im Rahmen einer so genannten Panelstudie, dokumentiert wird. An der letzten Erhebungswelle 2008 beteiligten sich knapp 400 Personen. Statistisch gesehen, lassen sich die Ergebnisse der "Sächsischen Längsschnittstudie" mit einer Fehlerwahrscheinlichkeit von 6 Prozent auf die Ostdeutschen des Jahrgangs 1973 verallgemeinern.

Die Schriftstellerin Jana Hensel, selbst Jahrgang 1976, hat ihre Generation als "Zonenkinder" charakterisiert*. Diese Jahrgänge haben ihre Kindheit in der DDR verlebt und sind dadurch stark geprägt worden; dann aber, gerade angekommen an der Grenze zum Erwachsensein, mussten sie plötzlich in einem ganz anderen gesellschaftlichen System zurechtkommen. Ähnlich wie Hensel schreiben die Autoren der "Sächsischen Längsschnittstudie" über die Befragten ihrer Stichprobe: Die "Sozialisations- und Sicherheitserfahrungen im Kinder- und Jugendalter wirken nachhaltig bis in die Gegenwart und bilden den Kern einer immer noch bestehenden, seit Jahren sogar erneut zunehmenden emotionalen Verbundenheit mit der DDR"*.

Dieser Untersuchung zufolge zeichnet den Jahrgang 1973 der Ostdeutschen eine abnehmende Zufriedenheit mit der gesellschaftlichen Entwicklung aus. Obwohl diese "Zonenkinder" schon seit rund 20 Jahren in der Bundesrepublik leben, ist die Identifikationsrate mit der DDR immer noch höher und im Systemvergleich schneidet die DDR (insbesondere in sozialen Bereichen) besser ab. "Der Identitätswandel vom DDR-Bürger zum Bundesbürger [verläuft] weitaus komplizierter und langwieriger" als erwartet*. Wie lässt sich das erklären?

Anscheinend hat die aktuelle soziale Lage, insbesondere die Erfahrung von Arbeitslosigkeit und Ungewissheit über die eigenen Zukunftsaussichten, einen Einfluss auf die Bewertung der DDR. "Je unsicherer der Arbeitsplatz ist, desto weniger wird die BRD als Vaterland erlebt"*. Vor diesem Hintergrund scheinen die Einstellungen der "Zonenkinder" zur DDR der Reflex gesellschaftlicher Problemlagen der Gegenwart zu sein. "Nur Minderheiten [der Befragten des ostdeutschen Jahrgangs 1973] sind zufrieden mit der [aktuellen] Sozialpolitik, der Familienpolitik, der Gesundheitspolitik und der Lohnpolitik"*.

Die rückblickend verklärende Sicht auf die DDR spiegelt folglich die Probleme der heutigen Bundesrepublik wider. Es ist nicht die Sehnsucht nach der alten DDR oder die Ablehnung der Wiedervereinigung, sondern der Wunsch beispielsweise nach größerer sozialer Sicherheit und mehr Gerechtigkeit, die sich in dem DDR-Bild ausdrücken. Verstetigen sich diese Wahrnehmungen, dann wird die "virtuelle DDR" noch länger existieren.

 

Bernd Martens für bpb.de, 18.08.2010

 

Literaturhinweise

  • Ahbe, T., Ostalgie. Zum Umgang mit der DDR-Vergangenheit in den 1990er Jahren, Erfurt 2005.
  • Förster, P./Stöbel-Richter, Y./Berth, H./Brähler, E., Die deutsche Einheit zwischen Lust und Frust. Ergebnisse der "Sächsischen Längsschnittstudie". Zusammenfassung für die Otto-Brenner-Stiftung, OBS-Arbeitsheft 60, Frankfurt/M. 2009.
  • Hensel, J., Zonenkinder, Reinbek 2002.
  • Holtmann, E./Jaeck, T./Völkl, K., Sachsen-Anhalt-Monitor 2009, Halle und Magdeburg 2009.
  • Klein, A./Heitmeyer, W., Ost-westdeutsche Integrationsbilanz, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 28/2009, S. 16-21.
  • Neller, K., DDR-Nostalgie. Dimensionen der Orientierungen der Ostdeutschen gegenüber der ehemaligen DDR, ihre Ursachen und politischen Konnotationen, Wiesbaden 2006.
  • Schroeder-Deutz, M./Schroeder, K., Soziales Paradies oder Stasi-Staat? Das DDR-Bild von Schülern – ein Ost-West-Vergleich, Stamsried 2008.

 

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